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Astrid Sahm. Belarusian nationalism or nationalism of Belarus?

Der Artikel befasst sich mit der Entwicklung der belarussischen Nationsbildung seit Beginn der Perestroika. Dabei wird einleitend festgestellt, dass das historisch bedingte Fehlen einer starken nationalen Elite, die ausgeprägte Assimilation an das Russische sowie die wirtschaftlichen Erfolge der BSSR nach dem sowjetischen Sieg im 2. Weltkrieg keine günstigen Voraussetzungen für eine aktive Wiederbelebung des belarussischen Nationalgedankens Mitte der 80er Jahre bildeten. Zwar bildete sich in Belarus, wie in anderen Unionsrepubliken, 1988 eine Nationalbewegung, die jedoch nicht die homogene Struktur der KPB aufzubrechen vermochte.

Das Zusammenspiel von beschränkter nationaler Mobilisierung und Auflösung der Sowjetunion ermöglichte gleichwohl Ende 1991 einen kurzfristigen nationalen Kompromiss zwischen Nomenklatura und Volksfront, der sich jedoch unter dem Druck der dramatischen Wirtschaftskrise auflöste. Der Verzicht auf eine Legitimierung der nationalen Unabhängigkeit per Referendum sowie auf vorgezogene Parlamentswahlen bildete eine zentrale Voraussetzung dafür, dass der 1994 gewählte Präsident Lukaschenko schrittweise die Legislative entmachten und die national orientierten Kräfte aus dem politischen Entscheidungsprozess verdrängen konnte.

Unter Präsident Lukaschenko verschärften sich dementsprechend auch symbolische Konflikte um nationale Gedenktage, Staatssymbole, die Sprachenfrage, das Nationsverständnis oder die Beziehungen zu Russland, die bereits unter Premierminister Kebitsch Bestandteil heftiger politischer Auseinandersetzungen waren. Lukaschenko gelang es dabei, seine autoritäre Machtausdehnung durch die (Wieder_)Etablierung von prosowjetischen bzw. prorussischen Symbolen abzusichern.

Das vorläufige Ergebnis ist paradox: Die belarussische Eigenstaatlichkeit kann einerseits nicht als hinreichend gesichert gelten, andererseits findet sich keine Mehrheit fur eine formale Aufgabe der Souveränität. Damit bewegt sich auch die russophile Konzeption Lukaschenkas ebenso wie die eher ethnozentrische Konzeption der Nationaldemokraten letztendlich innerhalb der widersprachlichen Traditionen belarussischer Kultur.